Was ist Inkontinenz?
HR Univ.Prof.Dr. Helmut Madersbacher
Unfreiwilliger Harnverlust ("Harninkontinenz
"), im Volksmund oft als "Blasenschwäche"
bezeichnet, ist ein sehr weit verbreitetes Leiden. Schätzungen
gehen davon aus, dass jede 4. Frau und jeder 10. Mann
im Laufe des Lebens von diesem Problem betroffen sind.
Mit zunehmendem Alter steigt die Wahrscheinlichkeit,
an unfreiwilligem Harnverlust oder Schwierigkeiten bei
der Blasenentleerung zu leiden. Und doch spricht kaum
jemand offen über Inkontinenz. Viele Betroffene ziehen
sich aus Angst, ihr Problem könnte in der Öffentlichkeit,
im Freundeskreis oder in der Familie bemerkt werden,
zurück und vereinsamen.
Unfreiwilliger Harnabgang kann viele
Ursachen haben, viele davon lassen sich beheben. Entzündungen,
hormonelle Veränderungen bzw. Hormonmangel oder vergrößerte
Prostata, aber auch Medikamente können die Ursache dafür
sein bzw. die Beschwerden verstärken. Ebenso kann es
nach einer Schwangerschaft durch eine Schwächung der
Beckenbodenmuskulatur zu unfreiwilligem Harnverlust
kommen.
Die oft gehörte Annahme, dass die "Blasenschwäche
im Alter" unabwendbar ist und dass man nichts dagegen
tun kann, ist falsch. Der Arztbesuch ist ein erster
wichtiger Schritt, um die Ursachen der Inkontinenz erkennen
und wirksame therapeutische Maßnahmen setzen zu können.
Die vorliegende Broschüre soll Ihnen helfen, das Phänomen
der Inkontinenz besser zu verstehen, und Ihnen alles
Wissenswerte über den Wirkmechanismus der verschiedenen
Therapieformen, insbesondere auch der Medikamente, näher
zu bringen.
Wann
muss ich zum Arzt - Testen Sie sich selbst
Weitere Fragen:
Was ist die
überaktive Blase?
Formen der Inkontinenz
Was kann man tun?
Was
ist die überaktive Blase?
Die überaktive Blase ist durch drei
wesentliche Symptome gekennzeichnet: Die Betroffenen
müssen sehr oft auf die Toilette gehen (über achtmal
pro Tag und häufig auch nachts), leiden an plötzlichem
und nicht unterdrückbarem Harndrang oder verlieren ungewollt
Harn (Dranginkontinenz).
- zwanghafter Harndrang
- häufiges Wasserlassen
- Dranginkontinenz (ungewollter Harnverlust)
Von der überaktiven Blase sind Männer
und Frauen gleichermaßen betroffen. Wichtig ist der
möglichst frühzeitige Arztbesuch, um eine erfolgreiche
Behandlung zu beginnen.
Wie wirkt sich die überaktive Blase
aus?
Für viele Betroffene wird das Leben
zur Qual: In der Angst, nicht rechtzeitig eine Toilette
zu finden, werden persönliche, berufliche und öffentliche
Beziehungen eingeschränkt. Der Besuch eines Konzerts,
die Ausübung einer Sportart oder auch eine längere Reise
wird durch den Zwang, ständig eine Toilette in der Nähe
wissen zu müssen, für viele Menschen unmöglich. Viele
der Betroffenen ziehen sich in die Isolation zurück.
Wie kann die überaktive Blase behandelt
werden?
Mit "Blasentraining", modernen
Medikamenten, die vom Arzt verordnet werden, und mitunter
auch durch Elektrotherapie ist die überaktive Blase
meist sehr gut in den Griff zu bekommen. Viele erfolgreich
behandelte Menschen sind glücklich, geliebten Hobbies
wieder nachgehen zu können und keine Angst mehr vor
peinlichen Episoden haben zu müssen. Viele bereuen,
erst spät einen Arzt aufgesucht zu haben. Mit neuen,
gut verträglichen Medikamenten sind auch die bisher
häufigsten Nebenwirkungen wie Mundtrockenheit nicht
mehr zu erwarten. Gerade ältere Patienten leiden schon
von Haus aus vermehrt an Mundtrockenheit, zusätzlich
kommt mangelnde Flüssigkeitsaufnahme noch verschlimmernd
dazu. Nicht mehr tolerierbare Mundtrockenheit mit Schwierigkeiten
beim Essen, Schlucken und Sprechen war oft die Folge.
Vielfach haben diese Nebenwirkungen dazu geführt, dass
die Therapie abgebrochen wurde. Bei neuen, für die überaktive
Blase und die Dranginkontinenz entwickelten Medikamenten,
die der Arzt verschreibt, sind diese Nebenwirkungen
kaum oder nicht mehr zu erwarten.
Formen
der Inkontinenz
Dranginkontinenz
ist der unfreiwillige Harnabgang verbunden
mit starkem Harndrang trotz funktionierenden Harnröhrenverschlusses.
Die Ursachen dafür sind vor allem beim älteren Menschen
vielfältig: Krankhafte Zustände im Bereich von Blase,
Harnröhre und kleinem Becken, vor allem chronische Entzündungen,
erschwerte Blasenentleerung, z.B. durch eine vergrößerte
Prostata, aber auch altersbedingte und krankhafte Veränderungen
im Nervensystem verschlechtern die Kontrolle über die
Harnblase und führen zur Dranginkontinenz.
Therapie:
Kontinenztraining, insbesondere
Miktions- und Toiletten-, aber auch Beckenbodentraining,
Medikamente, bei Frauen auch Hormone, Elektrotherapie,
gelegentlich auch Operation.
Stressinkontinenz
nennt man den Harnverlust bei defektem
Harnröhrenverschluß. Charakteristischerweise kommt es
beim Husten, Niesen, Heben schwerer Lasten oder beim
Treppensteigen zum unfreiwilligen Harnabgang. Ursache
ist vor allem bei Frauen eine geschwächte Beckenbodenmuskulatur,
z.B. nach Schwangerschaft und Geburt,aber auch aufgrund
hormoneller und altersbedingter Veränderungen,beim Mann
vor allem nach Verletzungen des Schließmuskels im Rahmen
von Operationen der Prostata. Die Harnblase funktioniert
normal.
Therapie:
Beckenbodentraining, parallel dazu
Gewichtsreduktion, Stuhlgangregulierung, zusätzlich
können Medikamente und Hormone helfen; je nach Schwere
und Ausmaß kann auch eine Operation notwendig sein.
Stress- und Dranginkontinenz sowie Mischformen
aus diesen beiden Typen zählen mit Abstand zu den häufigsten
Formen der Inkontinenz. Aufgrund der unterschiedlichen
Ursachen ist es bei Mischformen wichtig, jede Form einzeln
einer gezielten Therapie zuzuführen.
Reflexinkontinenz
entsteht, wenn Nervenbahnen und Nervenzentren,
die für die willkürliche Blasensteuerung verantwortlich
sind, geschädigt werden bzw. ausfallen, wie bei manchen
Formen der Querschnittlähmung. Ohne daß der Betroffene
Harndrang verspürt, entleert sich die Harnblase bei
Erreichen einer bestimmten Füllung reflektorisch, häufig
ist die Blasenentleerung auch unvollständig (Restharn).
Therapie:
Medikamente, regelmäßige Blasenentleerung,
z.B. auch mittels Katheterisierung, Operation.
Überlaufinkontinenz
entsteht, wenn der Druck in der übervollen
Blase höher wird als der Verschlußdruck des Schließmuskels.
Ursachen für eine Überlaufinkontinenz sind ein schwacher
Blasenmuskel oder ein Hindernis, das die Entleerung
des Harnes erschwert, mitunter finden sich beide Ursachen
gemeinsam.
Therapie:
zunächst Entlastung der übervollen
Blase durch Einführen eines Katheters, in der Folge
dann Therapie der zugrundeliegenden Ursache, entweder
Kräftigung der Blase oder/und Beseitigung des Abflußhindernisses.
Extraurethrale Inkontinenz
entsteht bei Harnabgang durch andere
Kanäle als die Harnröhre, entweder über Fistelbildung
oder über eine angeborene Anomalie der Harnleitermündung.
Therapie:
Operation.
Medikamente
- Ihre wirksamen Helfer bei überaktiver Blase und Dranginkontinenz
Medikamente werden häufig erfolgreich
zur Verbesserung der Blasenkontrolle bei Harndrang-Reflex
und gemischter Drang- bzw. Stressinkontinenz eingesetzt.
Wie wirken Medikamente gegen die überaktive
Blase?
Sie können die Blasenkapazität erhöhen
und verzögern die Zeit bis zum Auftreten des Harndranges.
Die Betroffenen müssen weniger häufig die Toilette aufsuchen
und sind über längere Zeiträume hinweg frei von ständigem
Harndrang. Die Kontrolle über die Blasenentleerung wird
insgesamt verbessert.
Welchen Erfolg können Sie sich erwarten?
Eine im Frühjahr 1997 abgeschlossene
Untersuchung zeigte, dass 89%der Frauen und 79%der Männer
auf eine Behandlung mit Medikamenten ansprachen. Dies
bedeutet häufig ein Abklingen, zumindest aber eine deutliche
Besserung der Inkontinenz.*
Wie funktionieren Medikamente gegen
die überaktive Blase und Inkontinenz?
Sie unterdrücken gezielt die Wirkung
des körpereigenen Botenstoffes Acetylcholin auf die
Nervenenden, welche die Entleerung der Blase auslösen.
Allerdings können derartige Medikamente eine bereits
vorbestehende Störung der Blasenentleerung verstärken
und zu erhöhtem Restharn führen. Ihr Arzt wird gegebenenfalls
die notwendigen Kontrollen durchführen. Diese Medikamente
wirken innerhalb von 30 60 Minuten für 6 10 Stunden.
Welche Nebenwirkungen sind bekannt?
Manchmal können Mundtrockenheit, Schwitzen,
Hautrötung, Verstopfung, Herzklopfen und Schwindel auftreten.
Die oben geschilderten Nebenwirkungen verschwinden nach
Beendigung der Einnahme von Anticholinergika. Bitte
sprechen Sie beim Auftreten von Nebenwirkungen mit Ihrem
Arzt, damit sichergestellt werden kann, dass keine anderen
Ursachen vorliegen oder dass Ihnen ein anderes, besser
verträgliches Medikament verschrieben wird.
*Miktions-(=Blasen-) und Toilettentraining
unterstützen diese Therapie
Die Therapie mit Medikamenten sollte,
wenn möglich, mit einem Miktions- oder Toilettentraining
kombiniert werden (z.B. in kurzen Zeitabständen regelmäßig
auch ohne Drang auf die Toilette gehen, die Intervalle
langsam verlängern).
Was können Sie sonst noch tun?
Für die Stressinkontinenz, aber auch
bei der Behandlung der Dranginkontinenz stellt gezieltes
Beckenbodentraining, gegebenenfalls kombiniert mit Elektrotherapie
und Biofeedback, wenn möglich unter Anleitung und Kontrolle
einer Physiotherapeutin, eine sehr gute Behandlungsmethode
dar. Bei etwa 70%der Betroffenen kann es, insbesondere
bei leichten und mittelschweren Formen der Harnstressinkontinenz,
zum Abklingen des unfreiwilligen Harnabgangs oder aber
zumindest zu einer wesentlichen Besserung führen.
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