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Einnässen beim Kind


Man unterscheidet das reine nächtliche Einnässen (Enuresis nocturna), die kindliche Dranginkontinenz (zusätzliche oder isolierte Tagessymptomatik) und die komplizierte kindliche Harninkontinenz (vergesellschaftet mit anderen Erkrankungen wie Harnwegsinfekten oder Mißbildungen)


Die Kindliche Entwicklung
Kontrolle über die Blasenfunktion tagsüber gewinnen die Kinder selten vor dem 18. Lebensmonat. Dann werden die Kinder pro Jahr zu 20% trocken. Mit 5 Jahren sind 92% durchgehend tagsüber trocken. Während der Zeit des Toilettentrainings kommt es immer wieder zu Rückfällen, die keiner Behandlung bedürfen. Bevor man ein Kind behandelt sollte man immer neben dem Alter auch die allgemeine geistige und körperliche Reife eines Kindes berücksichtigen.
Die reine Enuresis tritt im Alter von 5a bei 15 bis 20% der Kinder auf, wie zahlreiche epidemiologische Studien belegen. Knaben sind dabei deutlich häufiger betroffen. Pro Jahr werden dann etwa 15% spontan trocken. Im Pubertätsalter sind immerhin noch 1-2% betroffen und auch im Erwachsenenalter hat erst neulich eine holländische Studie ½ % Enuretiker gefunden. Von allen Kindern mit Einnäßproblemen handelt es sich in 75% um eine reine nächtliche Symptomatik, in 10% um isolierte Tagessymptomatik und in 15% um ein Tag und Nacht Problem.
Von reinen Bettnässen spricht man, wenn das Kind über 5 Jahre alt ist, tagsüber bereits trocken ist, nachts aber mindestens 2mal im Monat ins Bett macht. Die WHO klassifiziert Bettnässen als behandlungswürdige Krankheit und nicht bloß als Kinderleiden und schon gar nicht als Erziehungsproblem der Eltern oder psychisches Problem der Kinder. Allein in Österreich leiden rund 60.000 Kinder im Volksschulalter unter nächtlichem Einnässen.

Behandlung

Die Ursachen des nächtlichen Einnässens sind mannigfaltig.

1.Ein abnormer oder noch nicht ausgereifter Rhythmus des antidiuretischen Hormons. Mangelt es an diesem Hormon, sammelt sich in der Nacht zuviel Harn, der von den Kindern nicht gehalten werden kann – die Blase geht über.

2.Verzögerung der Reifung jener Nervenstrukturen im Gehirn welche die Harnblasenfunktion steuern.

3.Genetische Faktoren
Bettnässen tritt deutlich häufiger auf, wenn die Eltern ebenfalls Bettnässer waren.

4. Noch nicht ausgereiftes Weckzentrum. Bettnässende Kinder sind schwer weckbar und wachen durch das Einnässen nicht auf.

5.Bezüglich psychogener Faktoren läßt sich folgendes sagen: Es besteht kein nachgewiesener Zusammenhang zwischen der Häufigkeit des Einnässens und der Ausprägung psychiatrischer Auffälligkeiten. Angesichts der Inhomogenität der Gesamtgruppe der einnässenden Kinder scheint es keine typische Persönlichkeit zu geben. Hinter der gleichförmigen Symptomatik treten sehr unterschiedlich Strukturen in Erscheinung. Es lassen sich jedoch einige Hauptanfälligkeiten beschreiben, die als Tendenzen zu verstehen sind.
10% weisen eine zusätzliche Enkopresis auf
25% haben Probleme in der Schule
30% haben Persönlichkeitsauffälligkeiten

Miktionsprotokoll (493 KB)
Bettnässen wird diagnostiziert, indem der Arzt (Facharzt für Urologie bzw. der Kinderfacharzt) organische Störungen anhand von Ultraschall und anderen schmerzfreien Untersuchungsmethoden ausschließt. Danach wird als erster Schritt ein sog. Miktionsprotokoll angelegt, das von den Eltern geführt wird. In dieses Tagebuch werden die Harnmenge und die Häufigkeit des Wasserlassens über ein Wochenende oder eine Woche eingetragen.
Da keinerlei körperliche Risiken mit dem Bettnässen verbunden sind, ergibt sich eine Behandlungsindikation ausschließlich aus dem Leidensdruck des Patienten und erst in zweiter Linie seiner Familie.
Die Behandlung beginnt mit der motivierenden Beratung unter dem Blickwinkel, daß es sich um ein soziales und weniger um ein medizinisches Problem handelt.
Dabei spielt das Miktionsprotokoll für den Arzt und die Eltern als Kontrolle, für das Kind als positiver Motivationsmechanismus eine entscheidende Rolle. Für den Erfolg der Behandlung ist die Motivierung und Verantwortungsübernahme durch das Kind entscheidend.
Sollte durch diese Maßnahmen kein Erfolg erzielt werden, können als nächste Schritte die medikamentöse Behandlung oder die apparative Verhaltenstherapie ( diversen Weckapparate) angewandt werden.

Medikamentöse Therapie
Zeigt das Protokoll eine normale Blasenkapazität (etwa Alter x 30 in ccm) und Hinweise auf einen ADH-Mangel (erhöhte Nachtharnmengen) kann sehr gut medikamentös behandelt werden. Ein Nasenspray oder Tabletten, die den Wirkstoff Desmopressin* enthalten, werden dem Kind vor dem Schlafengehen verabreicht. Dabei muß gegebenenfalls die Dosis langsam erhöht werden. Desmopressin* versorgt den kleinen Organismus mit dem fehlenden ADH und bewirkt meistens eine sofortige Besserung. Die Behandlung ist solange notwendig, bis der Körper des Kindes gelernt hat, das Hormon in ausreichendem Maß selbst zu produzieren. In 85% der Fälle sind die Kinder innerhalb von 6 Monaten bis eineinhalb Jahren wieder völlig trocken.
Bettnässer-Alarmgerät

Bei normalem Protokoll und geeignetem familiären Umfeld kann eine apparative Verhaltenstherapie versucht werden. Besonders wichtig ist dabei, daß in den ersten ein bis zwei Wochen jemand in der Nähe des Kindes schläft und dieses beim ersten Alarm (erster Tropfen im Sensor) nötigenfalls zusätzlich (zum Klingeln, Summen oder Vibrieren je nach Gerät) weckt. Die Kinder schlafen oft sehr tief und sind schwer weckbar. Für den Erfolg der Therapie ist aber ein vollkommenes Aufwachen (mit Erinnerung am nächsten Tag) unbedingt notwendig. Meistens ist dieses zusätzliche Wecken nur kurzzeitig notwendig. Ziel ist ein trockenes Durchschlafen, aber fallweise gelingt nur die Umwandlung des nächtlichen Einnässens in ein nächtliches Aufstehen.

Zeigt das Protokoll eine zu kleine Blasenkapazität (Hinweis auf eine zusätzliche Drangkomponente) kann man mit z.B. Oxybutenin über zumindest einige Monate das Fassungsvermögen der Blase vergrößern. Bringt diese Therapie bei Kindern mit Tagessymptomatik (Harnverlust tagsüber) keine Besserung, so muß eine weitergehende Diagnostik zum Ausschluß einer Harnröhrenenge oder eines Beckenbodenkneifens (falsch eingelernte Blasenentleerung mit erhöhtem Widerstand durch „Zusammenzwicken“ statt Entspannen des Schließmuskels bei der Blasenentleerung) eingeleitet werden. Als Therapie kommen dann Biofeedback oder eventuell auch eine Erweiterung der Harnröhre in Betracht.

Der Verein Club Mondkind bietet Eltern und betroffenen Kindern bestmögliche Unterstützung: Information über die Krankheit, Ansprechpartner, Ambulanzen sowie Tipps und Tricks für’s Trocken werden.

Bei Verdacht auf einen psychologischen Hintergrund oder Therapieresistenz muß auch eine psychologische Abklärung mit nötigenfalls einer Psychotherapie (am besten als Familientherapie) eingeleitet werden.

 

Redaktion: Univ.-Prof. Dr. Engelbert Hanzal
Webdesign: Health@Net Services - Dr. Peter Gründler
Letzte Änderung: 16.06.06